CHARLES, RAY
Biografie
Ray Charles (voc, p, org, as, tp), am 23. September 1930 als Ray Charles Robinson in Albany, Georgia, geboren, mit sechs Jahren erblindet, Vollwaise mit 15, war die einflussreichste Persönlichkeit der bluesorientierten Popmusik. Mit seiner "Fusion von Sex und Salvation, von Heiligem und Säkularem, dem Jubel des Gospelsongs und der Erdhaftigkeit des Blues" (Arnold Shaw) hatte der "Hohepriester", das "Genie" (Werbeslogans) beinahe jeden Rocksänger beeinflusst. In der St. Augustine-Blindenschule in Florida nahm er Musikunterricht, gründete mit siebzehn das Maxim Trio, mit dem er in der Art Nat "King" Coles musizierte, trat vornehmlich an der US-Westküste auf und besang 1949 bis 1951 für die Firma Swing Time seine ersten Singleplatten ( Confession Blues; Kiss Me Baby; Baby, Let Me Hold Your Hand). 1952 ging er zu Atlantic und entwickelte als Sänger und Pianist seinen unverwechselbaren Personalstil.
Bei einer Plattenaufnahme im November 1954 in Atlanta, Georgia, verband er erstmals die vordem unvereinbaren Ausdrucksmittel von Blues und Gospelsong. Aus dem Spiritual My Jesus Is All The World To Me wurde I Got A Woman, aus der Clara Ward-Hymne This Little Light Of Mine der Song This Little Girl Of Mine. Bluessänger Big Bill Broonzy artikulierte das allgemeine Entsetzen: "Er hat eine gute Stimme, aber es ist eine Kirchenstimme; er sollte in der Kirche singen. Blues und Spirituals zu mischen ist verwerflich." Doch mit diesem Soulstil durchbrach Ray Charles sämtliche Schranken, die Ausbildung und Herkunft ihm setzten. Akademien überschütteten ihn mit Schallplattenpreisen, "Down Beat" erklärte ihn zum besten Jazzsänger, die amerikanische Music Operators Association zum populärsten Interpreten im Jukebox-Geschäft. Als Instrumentalist, Sänger, Orchesterleiter und Arrangeur gab er dem steril gewordenen Cool Jazz Ursprünglichkeit und Ausdruck zurück und gastierte triumphal beim Newport Jazz Festival. Mit seinen Hits What’d I Say, Yes Indeed oder Hallelujah, I Love Her So legte er "das Blues-Schema als Symbol des Eros" bloß und "betonte es mit einer Eindeutigkeit, die einem Geringeren zu tödlicher Frivolität ausgeschlagen wäre" (Jazzkritiker Olaf Hudtwalker).
Nach seinem Wechsel zur Plattenfirma ABC Paramount 1960 erweiterte er sein Repertoire um konventionelle Popsongs und Country & Western-Melodien. Fortan wurden Einzeltitel ( I Can’t Stop Loving You) und LPs ( Modern Sounds In Country And Western Music) in Millionenauflagen verkauft. 1962 etablierte Ray Charles in Los Angeles ein eigenes Aufnahmestudio und die Tangerine Record Company, die später in Crossover Records umbenannt wurde. Für den United Artists-Film "In the Heat of the Night" interpretierte er den Titelsong und trat 1980 im Film "The Blues Brothers" auf. Manchmal, etwa auf der LP Ray Charles Invites You To Listen, klang seine bis ins Kastratenhafte übersteigerte Kopfstimme gespenstisch immateriell.
Immer wieder aber fand er auf den Boden seiner handfest-erotischen Bluestradition zurück. Bisweilen wagte er sich – mit Stücken wie Stevie Wonders Living For The City, dem Little Milton-Song We’re Gonna Make It und vor allem dem Album A Message From The People (1972) – sogar in die Nähe von Sozialkritik. 1972 plädierte er im Song Hey Mister dafür, Präsident Richard Nixon abzuwählen, weil der ihm in einem Gespräch gesagt hatte: "Wir wollen ja gar nicht, dass alle Menschen gleich sind." Eine repräsentative Auswahl seiner besten Stücke wurde von Atlantic in der vierteiligen Anthologie The Ray Charles Story (1962–64), von ABC im Doppelalbum A Man And His Soul (1967) veröffentlicht.
Als er am 1. November 1964 in Boston wegen Heroinbesitzes verhaftet wurde, gab er an, er habe seit seinem 16. Lebensjahr Rauschgift gespritzt. Nach einer Entziehungskur in Kalifornien trat er ein Jahr lang nicht auf. In den achtziger Jahren bestritt er seine größten Kommerzerfolge zum zweiten Mal in seiner Karriere mit Country & Western-Material. Nach der LP Do I Ever Cross Your Mind holte er sich für die LP Friendship (beide 1984) mit Chet Atkins, Johnny Cash, Merle Haggard, Willie Nelson, Hank Williams Jr. u. a. einige der bekanntesten C & W-Stars als Partner ans Mikrophon. Seinen Country-Alben der späten Achtziger fehlte die Inspiration. Nach dem Wechsel zu Warner mit Would You Believe (1990) erreichte er mit dem von Richard Perry produzierten Album My World (1993) einen neuen Höhepunkt seiner Ausdruckskraft im Schnittpunkt von Pop, Gospel, Rhythm & Blues: "Er singt seine Botschaften mit spielerischer Vitalität. Seine Stimme bricht, wenn er ein Problem darstellt, und sie erstrahlt im Glanz, wenn er eine Lösung anbietet" (Jon Pareles in der "New York Times"). Das Album endete in einer gospelbluesigen Version von Paul Simons Still Crazy After All These Years, in der er die Midlife-Krise in ein triumphales Bekenntnis zur Einsamkeit des Älterwerdens verkehrte, mit einer optimistischen Note: befreiendem Gelächter.
In den Neunzigern absolvierte Ray Charles mit seinem Orchester und den Raylettes immer noch rund 250 Konzerte pro Jahr und nahm zahlreiche Ehrungen unterschiedlicher Organisationen für sein Lebenswerk entgegen. Den Sinatra-Satz, er sei "das einzige Genie in unserem Geschäft", wies er in einem "Spiegel"-Gespräch 1996 zurück: "Ich bin kein Jazzer, aber ich kann Jazz spielen. Ich bin kein Bluessänger, aber ich kann den Blues singen. Ich bin kein Country & Western-Sänger, aber ich kann Country singen. Ich bin ein Gebrauchsmusiker. Deswegen bin ich immer noch da." – "Ray Charles", urteilte der "New Yorker", sei "der einzige Jazzkünstler, der durch einen überdimensionalen Erfolg nicht korrumpiert worden ist".
Im Herbst 1997 wurde er in die Jazz Hall of Fame aufgenommen, zur gleichen Zeit legte Rhino eine 5-CD-Box mit den Atlantic-Aufnahmen der Jahre 1952–1980 vor: Genius & Soul: The 50th Anniversary Collection, im Frühjahr 1999 gefolgt von The Complete Country & Western Recordings 1959–1986. Zu dieser Zeit hielt Ray Charles im New Yorker Waldorf Astoria die Laudatio auf Billy Joel zu dessen Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame, deren Mitglied er selbst schon seit 1986 war. Als er am 12. Mai 1998 in Stockholm den oft mit dem Nobelpreis verglichenen Polar Music Prize aus den Händen des schwedischen Königs Carl Gustav XVI. entgegennahm, gratulierte auch US-Präsident Clinton zu seiner "outstanding musical career". Seine Stimme sei "incomparably expressive and always easy to recognize as soon as it is heard".
Für das Album Thanks For Bringing Love Around Again (2003) mobilisierte er sein Label Crossover aufs Neue, das er in den Siebzigern lediglich zur Nachwuchspflege gegründet hatte, und vertraute auf das Versprechen eines Billy Osborne, alles Weitere zu besorgen. Osborne pinselte fast alle Kompositionen und Arrangements und "hangelte sich in diesen ideenlosen Machwerken von Klischee zu Klischee" ("Musikexpress"). Zudem überschüttete er die markanteste Soulstimme mit seelenlosen, abgestandenen Synthesizer-Sounds. Als wollte er diesen Flop wieder wettmachen, bot Ray Charles für sein letztes Album Genius Loves Company (2004) noch einmal sein ganzes Charisma und – für zwölf Duette – eine Riege von Stars auf, darunter Elton John, Van Morrison, Norah Jones, Bonnie Raitt, James Taylor und B. B. King. Einige dieser Kooperationen gelangen, andere nicht.
Ray Charles starb am 10. Juni 2004 in Beverly Hills. Acht Monate später wurde Genius Loves Company, mittlerweile zwei Millionen Mal verkauft, bei der Grammy-Verleihung mit acht Auszeichnungen geehrt – darunter als bestes Album und für die "Single des Jahres", das Duett Here We Go Again mit Norah Jones. Ray Charles hatte gewusst, dass er nicht mehr lange zu leben hatte, als ihn Hollywood-Regisseur Taylor Hackford bat, beratend an der Verfilmung seiner Lebensgeschichte mitzuwirken. Wie dies unter anderem geschah, erzählte der Schauspieler Jamie Foxx (bürgerlich: Eric Bishop), der für diese Glanzrolle einen Oscar bekam: "Ray stellte mich auf die Probe, befühlte meine Hände und sagte: "Aha, kräftige Finger." Dann saßen wir am Klavier, und er sagte: "Wenn du den Blues spielen kannst, kannst du alles." Wir spielten den Blues, und er war zufrieden. Aber dann spielte er ein Stück von Thelonious Monk, das war höllisch schwer. Ich brauchte eine Weile, mich hineinzufinden. Als ich es raushatte, rief er: "Du hast es, du bist ein Kerl, der nicht aufgibt." Das war für mich wie ein Ritterschlag. Ohne den hätte ich Ray niemals spielen können."
Keines der großen Hollywood-Studios hatte den Film "Ray" finanzieren wollen. Ein Charles-Fan, Philip Anschutz aus Colorado, "weiß, milliardenschwer, streng religiös und konservativ" ("Der Spiegel"), legte schließlich die gesamten Produktionskosten von 40 Millionen Dollar vor. Ein halbes Jahr nach seiner Premiere war "Ray" zu einem Kultfilm geworden, "weil ihm die Liebe zu seinem Gegenstand über mehr als zwei Stunden anzumerken ist" ("Die Zeit").
Ende 2006 zeigten die Akustiker(...)
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs und
Zusammenstellungen (Auswahl):
Ray Charles Sings (1957)
Yes Indeed (1958)
Ray Charles At Newport (1958)
Soul Brothers (1958 mit Milt Jackson)
What’d I Say (1959)
The Genius Of Ray Charles (1959)
In Person (1960)
Do The Twist (1960)
Genius Hits The Road (1960)
Genius After Hours (1961)
The Genius Sings The Blues (1961)
Genius + Soul = Jazz (1961)
Dedicated To You (1961)
The Greatest (1962)
Ray Charles Story, Vol. 1 (1962)
Ray Charles Story, Vol. 2 (1962)
Modern Sounds In Country & Western Music Vol. 1 (1962)
Modern Sounds In Country & Western Music Vol. 2 (1962)
Ingredients In A Recipe For Soul (1963)
Sweet And Sour Tears (1963)
Brothers In Soul (1963)
Ray Charles Story, Vol. 3 (1963)
Ray Charles Story, Vol. 4 (1964)
Have A Smile With Me (1964)
Live In Concert (1965)
Together Again (1965)
Crying Time (1966)
Ray’s Moods (1966)
A Man And His Soul (1967)
Ray Charles Invites You To Listen (1967)
Portrait Of Ray Charles (1968)
I’m All Yours, Baby (1969)
Doing This Thing (1969)
Love Country Style (1970)
Volcanic Action Of My Soul (1971)
All Time Great Performances (1971)
Live (1972)
25th Anniversary Salute (1972)
A Message From The People (1972)
Through The Eyes Of Love (1972)
All Time Country & Western Hits (1973)
My Kind Of Jazz (1973)
Jazz Number II (1973)
Arbee Stidham (1973)
The World Of Ray Charles Vol. 1 (1973)
The World Of Ray Charles Vol. 2 (1974)
Come Live With Me (1974)
Georgia On My Mind (1974)
Renaissance (1975)
Take These Chains From My Heart (1975)
Porgy & Bess (1976)
True To Life (1977)
What Have I Done To Their Songs (1977)
Love & Peace (1978)
Brother Ray (1978)
Ain’t It So (1979)
Wish You Were Here Tonight (1983)
Do I Ever Cross Your Mind (1984)
Friendship (1984)
The Spirit Of Christmas (1985)
Just Between Us (1988)
Standards (1988)
Seven Spanish Angels And Other Hits (1989)
Would You Believe (1990)
The Complete Atlantic Rhythm And Blues Recordings (1992 Box mit drei CDs)
My World (1993)
Strong Love Affair (1996)
Genius & Soul:
The 50th Anniversary Collection (1997, 5-CD-Box)
In Concert (1998)
Dedicated To You (1998)
The Complete Country & Western Recordings 1959–1986 (1999, 4-CD-Box)
Ultimative Hits Collection (1999)
Thanks For Bringing Love Around Again (2002)
Live At The Montreux Jazz Festival (2002)
Genius Loves Company (2004)
Genius & Friends (2005)

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